Leseprobe

Posted on 20. August 1999 by Ratgeber in Bücher

aus Kapitel 3: „Die Hitliste der Drückeberger“

Es gibt bestimmte Krankheiten, die Blaumacher besonders häufig heimsuchen. Die folgende Hitliste beschreibt die gängigsten Symptome und Syndrome der Drückeberger.

Dabei gibt es je nach Mentalität, Risikofreudigkeit und Geschlecht natürlich Unterschiede: Einige lassen sich die abenteuerlichsten Geschichten und ausgefallensten Erkrankungen einfallen, während andere lieber die eh‘ vorhandenen Feld-, Wald- und Wiesen-Zipperlein (Husten, Schnupfen, Menstruationsbeschwerden) ein wenig ausschmücken.

Die Klassiker

Die nichtssagende Hypotonie

Gern genommen und sicherlich auch oft wahrlich empfunden ist das Symptom „allgemeine Mattigkeit“, fachlich auch „Erschöpfungszustand“ genannt. Generell klagt der Patient über ein zunehmendes Schwächegefühl, Müdigkeit, Schweißausbrüche und fühlt sich zu keiner beruflichen und körperlichen Höchstleistung (oder überhaupt irgendeiner Leistung) mehr fähig. Das morgendliche Aufstehen wird von kurzen Schwarzseh-Attacken (körperlich, nicht seelisch) begleitet, er wird den ganzen Tag nicht so recht wach und kippt gelegentlich aus heiterem Himmel aus den Pantinen. Ganz Ausgebuffte empfinden zusätzlich noch starkes Herzklopfen, Schweißausbrüche und zittrige Hände. Typisch übrigens bei jungen, schlanken Frauen, die zudem noch Regelstörungen haben können. Da ist die Chance recht groß, dass der Arzt schnell einen rettenden Anker in Form des ersehnten Gelben Scheins wirft.

International ist der niedrige Blutdruck als deutsche Krankheit anerkannt: US-Amerikaner nennen die Symptomatik „german disease“ und erachten sie nicht als therapiewürdige Erkrankung.

Die Verdachtsdiagnose „niedriger Blutdruck“ überprüft der Arzt in der Regel durch einfaches Blutdruckmessen.

Wenn sich trotz aller Bemühungen weder im Sitzen, Stehen noch im Liegen ein niedriger Blutdruck (d.h. unter 110/80 mm Hg) einstellen will, hilft oft auch die richtige Ausrede weiter: Man sei halt im Moment auch ein wenig aufgeregt – sei es, dass man immer ein wenig Angst vor dem Arzt verspürt oder einfach Gewissensbisse hat, weil man ja eigentlich unbedingt zur Arbeit müsste. Denn es ist altbekannt, dass bei aufgeregten Patienten die Blutdruckmessungen in der Arztpraxis für die Katz sind, weil die Werte sofort in die Höhe schnellen. Aber auch Amor und artverwandte gute Geister können hier mit im Spiel sein: So schnellen Blutdruck und Puls in die Höhe, wenn der attraktive Arzt bei einer Patientin die Manschette anlegt oder die Arzthelferin mit dem tiefen Dekolleté sich zum Patienten herabbeugt und das Stethoskop in die Armbeuge drückt. Natürlich kann dieses Phänomen unter bestimmten Umständen auch gleichgeschlechtlich die Messwerte verfälschen.

Um seinen Blutdruck, gemeinsam mit der gesamten körperlichen Verfassung planmäßig in den Keller zu treiben, greifen Blaumacher gelegentlich zu dem eigentlich altbekannten Kunstgriff: Am Morgen wird halt nicht gefrühstückt, auf dass der Blutzucker sinke. Dies geht dann einher mit dem bekannten Breitbandschwächegefühl. Die Risiken und Nebenwirkungen sind indes auch bekannt: Bärenhunger und unspezifische schlechte Laune.

Problematisch kann es für den Blaumacher werden, wenn der Arzt darauf besteht, genauere Untersuchungen vorzunehmen, um die Ursache des Unwohlseins zu finden. Und dazu besitzt er ein umfangreiches Repertoire an Methoden.

Fast immer, wenn der Arzt nicht so recht weiter weiß, muss man sich zur kaum vermeidbaren Blutuntersuchung anstechen lassen. So auch bei niedrigen Blutdruck und wenn man sich ständig müde und schlappt fühlt: Schließlich könnte ja auch ein Eisenmangel oder eine Blutarmut dahinterstecken. Aber es hat wenig zu bedeuten, wenn die Ergebnisse gänzlich normal ausfallen: Schließlich gibt es auch zahlreiche Ursachen für niedrigen Blutdruck, die sich nicht in veränderten Blutwerten niederschlagen. Und auf jeden Fall tut eine ergänzende Blutuntersuchung dem Portemonnaie des Arztes gut.

Zeigt der schwächelnde Patient in der Praxis einen akut korrekten Blutdruck, wird er gern mit einem 24-Stunden Blutdruckgerät überwacht, das in jeder Lebenslage den Blutdruck protokolliert, dabei gern blaue Flecken hinterlässt und sich während der Nachtruhe verselbstständigen kann.

Für bestimmte Aktivitäten – beispielsweise Flirten am Strand oder Sonnenbaden im Schwimmbad – ist das Ding ganz furchtbar unpraktisch. Und wer das Gerät einfach den halben Tag zu Hause lässt, fällt bei der Auswertung der Daten äußerst dumm auf.

Findige Blaumacher haben daher schon versucht, die Geräte stundenweise an gebrechliche Freunde oder Verwandte weiterzureichen. Zwar braucht’s da schon einige Fingerfertigkeit, aber einer echten Heimwerkerseele ist das durchaus zuzutrauen.

Allerdings ist auch das nicht ohne Risiko: Wer das Gerät seiner Oma umschnallt, die zufällig unter extrem hohem Blutdruck leidet, läuft schnell Gefahr, dass der Arzt ein wenig zu aufmerksam wird und entweder das Spiel durchschaut (sprich: den Gelben Schein verweigert) oder flugs weitere Diagnostik wegen der beunruhigenden Werte anordnet. Womöglich droht sogar die Einweisung in die Klinik zur Abklärung der Ursachen – und im Krankenhaus macht Faulenzen bekanntermaßen gar keinen Spaß.

Gern schauen sich Ärzte auch den Herzschlag im Detail an – nicht zuletzt, weil das EKG und Belastungs-EKG (Elektrokardiogramm) auch einen Batzen Honorar bringen und dabei helfen, die teuren Geräte auszulasten. Bis die Auswertung da ist – auch wenn die Ergebnisse unter Umständen normal ausfallen – können schon ein paar Tage ins Land gehen, in denen ein argloser Arzt seinem geplagten Patienten sicherheitshalber Ruhe und Schonung verordnet.

Wenn die Herz-Kreislauferkrankungen ausgeschlossen sind, kommen Mediziner häufig auch noch auf mögliche seelische Ursachen zu sprechen – das kommt Blaumachern natürlich sehr entgegen, weswegen sie in der Regel bereitwillig auf den Diskurs eingehen, versprechen sie sich doch freie Tage aufgrund der impliziten Therapieform des ärztlichen Mitgefühls (Therapia compassionata).

Im Allgemeinen sind die Therapieempfehlungen des Arztes gegen den niedrigen Blutdruck ohne erkennbaren krankhaften Hintergrund harmlos – von gesunder Ernährung, Sport, morgendlichem (eis!)kalten Duschen, Kaffeetrinken, der Empfehlung, sich ein(!) Glas Sekt zu gönnen bis zu Kreislauftropfen, falls er tatsächlich einen niedrigen Blutdruck vorgefunden hat (der aber meist nicht krankhaft ist).

Schwindel

Auch Schwindel ist ein bei Blaumachern beliebtes Symptom, das nur schwierig nachzuweisen ist. Ähnlich wie der Schwächeanfall bei niedrigem Blutdruck kommt und geht er plötzlich, ist bisweilen lageabhängig, lässt sich durch bestimmte Bewegungen auslösen, wird begleitet von Übelkeit, Flimmern vor den Augen und ist natürlich furchtbar unangenehm und vor allem bei der Lebensführung hinderlich.

Die möglichen medizinischen Ursachen von Schwindel sind überaus vielfältig – von psychischen Auslösern, Störungen im Gleichgewichtsorgan, Verspannungen in der Halswirbelsäule, Herzrhythmusstörungen bis hin zu Blutdruckschwankungen. Ebenso breit ist demzufolge die Palette der Untersuchungen, die ein Arzt veranlassen kann: einfaches Blutdruckmessen, EKG, Belastungs-EKG, Röntgen der Halswirbelsäule (HWS) und aufwändige Tests des Gleichgewichtsorganes im Ohr, meist durch einen HNO-Arzt.

Je nach Schwere der geschilderten Symptome erlangt der arme Patient auch ein paar Tage bis Wochen Arbeitspause – in der er allerdings einige Tabletten schlucken und den Anordnungen des Arztes folgen sollte, auf dass alles gut werde.

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